Anton Pannekoek

 

Der Krieg und die Sozialistische Wissenschaft

(19.07.1913)


Zuerst erschienen in der Presse Korrespondenz der „Bremer Bürgerzeitung“ vom 19.07.1913.
Abgedruckt in Claudio Pozzoli (Hrsgb.): „Jahrbuch Arbeiterbewegung 1975“, Frankfurt a.M.: Fischer, 1975, S. 155-158.
HTML-Markierung und Transkription: J.L.W. für das Marxists’ Internet Archive.


Wie schwer diejenigen, deren Geist noch völlig im alten bürgerlichen Denken befangen ist, zum richtigen Verständnis des Marxismus kommen, zeigt sich am besten in der Behauptung, die marxistische Theorie und die sich auf sie stützende sozialistische Praxis ständen im grellen Widerspruch zueinander. Bekannt ist die von bürgerlichen Professoren als „Widerlegung“ des Marxismus immer wieder neu aufgetischte Beweisführung, Marx selbst habe an den von ihm behaupteten „naturnotwendigen“ Untergang des Kapitalismus nicht geglaubt, sonst hätte er nicht seinen praktischen Aufruf an die Proletarier aller Länder gerichtet. Was naturnotwendig geschehen muss, danach braucht man doch nicht noch besonders zu streben. Dass die Sozialdemokratie so fieberhaft tätig ist, die Arbeiter zum Kampfe gegen den Kapitalismus zu organisieren, beweist, dass sie an einen „naturnotwendigen“ Zusammenbruch des Kapitalismus nicht glaubt, also in Wirklichkeit gar nicht auf marxistischem Boden steht. Der Fehler dieser schönen Beweisführung liegt darin, dass diejenigen, für die die „Willensfreiheit“ das unerschütterliche Axiom ihres Denkens ist, sich keine andere Notwendigkeit vorstellen können, als eine solche, die außerhalb des Menschen liegt und als äußerer Zwang auf ihn wirkt. Gerade darin besteht aber die Umwälzung der Wissenschaft durch den Marxismus, dass er die Notwendigkeit im menschlichen Handeln festgestellt hat. Das Denken, Wollen und Handeln der Menschen wird durch die Lebensverhältnisse, durch ihre wirtschaftlichen Bedürfnisse und ihre Klassenlage bestimmt. Der Marxismus sagt daher: die Menschen werden dieses oder jenes wollen, und deshalb wird es notwendig geschehen; die Proletarier werden unter der Wirkung ihrer Ausbeutung den Kampf gegen den Kapitalismus so lange führen, bis er beseitigt ist, und darin liegt die Naturnotwendigkeit des Sozialismus.

Ein ähnlicher Widerspruch zwischen Theorie und Praxis, der auch nur auf Unwissenheit in Bezug auf unsere Theorie beruht, wurde neulich in den „Sozialistischen Monatsheften“ aufgedeckt. Es handelte sich um die Haltung der Sozialdemokratie zum Krieg. Marx und Engels, so heißt es da, haben gegenüber den damaligen Schwärmern und Illusionisten des Weltfriedens nicht nur betont, dass unter dem Kapitalismus Kriege unvermeidlich und oft zur Beseitigung verrotteter Zustände begrüßenswert sind, sondern sogar selbst gelegentlich zum Kriege aufgefordert. Die heutige Sozialdemokratie dagegen wettert und kämpft gegen den Krieg als einen verabscheuungswürdigen Völkermord; in allen Tönen der sittlichen Entrüstung fällt sie über die Kriegshetzer und Patrioten her und verurteilt den Krieg sogar dort, wo er offenbar (wie im Balkankrieg) zur Beseitigung verrotteter Zustände nötig ist. So sehr diese Haltung zu begrüßen ist, so bedeutet sie doch eine Abkehr vom Marxismus; während mit dem Munde und als Phrase der Satz von Marx über die Notwendigkeit der Kriege gelegentlich noch wiederholt wird, stützt sich die Praxis der Sozialdemokratie nicht auf die Marxsche Lehre der ökonomischen Notwendigkeit, sondern auf die ethische Forderung des sittlichen Ideals.

Nun ist es allerdings eine sonderbare Auffassung, dass der Marxismus darin besteht, dass man alles genau so macht und beurteilt wie Marx. Weil Marx im Kriege einen Faktor sah, der auch dem proletarischen Interesse dienen könnte, soll nur derjenige ein Marxist sein dürfen, der diesen Standpunkt immer genau so vertritt. Es ist dies nicht das einzige Mal, dass die revisionistische Kritik auf der Anschauung beruht, der Marxismus sei ein Dogma mit unveränderlichen Vorschriften. In Wirklichkeit ist aber der Marxismus eine allgemeine Grundanschauung, eine Theorie über die Kräfte der Gesellschaft und ihre Entwicklung, eine Methode, die praktisch-gesellschaftlichen Fragen zu untersuchen und zu behandeln. In dem Maße, wie die Verhältnisse sich ändern, muss man von derselben Grundanschauung aus oft zu anderen praktischen Stellungnahmen kommen; in taktischen Fragen urteilen wirkliche Marxisten oft ganz anders als Marx seinerzeit unter den damaligen Umständen urteilen musste.

Dass in Bezug auf den Krieg die Verhältnisse sich seit einem Jahrhundert völlig geändert haben, ist allgemein bekannt. Damals kämpfte das erst schwach emporkommende Proletariat als entschiedenster Teil einer großen bürgerlichen Opposition, deren Aufgabe es war, die Reste des Feudalismus und des Absolutismus zu beseitigen, bürgerliche Nationalstaaten zu gründen und dazu vor allem die barbarische Reaktion Russlands zurückzuweisen. Dieses Ziel war ohne kriegerische Gewalt nicht durchzusetzen; als Faktor der bürgerlichen Revolution ist der Krieg eine fortschrittlich-schöpferische Macht. Jetzt kann in Europa (außer dem Balkan) von solchen Kriegen keine Rede mehr sein; jetzt ist der Gegensatz der Staaten ein imperialistischer, d. h. er entspringt nur den Profitinteressen des konzentrierten Großkapitals; jetzt kämpft das Proletariat gegen die Bourgeoisie um die Herrschaft. Jetzt kann ein Völkerkrieg nicht mehr eine schöpferische Macht des Fortschritts sein, und darum muss er von dem international organisierten Proletariat ganz anders beurteilt werden als vor einem halben Jahrhundert von unseren Vorkämpfern. Mit der ganzen Macht, über die die Arbeiterklasse verfügt, muss sie sich heute gegen einen Krieg wenden; und in dem Maße, wie es sich herausstellt, dass jetzt schon ihr energischer Widerstand den Ausbruch eines solchen Krieges zu verhindern weiß, wird durch das Auftreten dieser neuen Kraft sogar der alte Satz allmählich hinfällig, dass Kriege unter dem Kapitalismus unvermeidlich und notwendig seien. Natürlich gilt das nicht, wo der Kapitalismus erst emporkommt und mit ihm die Schaffung größerer Staaten, wie jetzt auf dem Balkan. Die Einsicht, dass der Krieg hier unvermeidlich ist, kann aber Sozialdemokraten nicht davon abhalten, gegen ihn zu kämpfen und zu protestieren, denn sie kennen bessere, friedliche Mittel zur Erreichung derselben Ziele, und ihr Protest bildet den Anfang ihres Kampfes gegen den emporkommenden Kapitalismus überhaupt.

Ist es dann nicht richtig, dass der Kampf des Proletariats gegen den Krieg, bei dem die Erweckung von Abscheu vor dem Massenmord eine große Rolle spielt, an die Stelle der objektiven marxistischen Wissenschaft den Appell an ethische Faktoren stellt? Ein solcher Gegensatz kann nur für diejenigen bestehen, die glauben, dass der Marxismus als Wissenschaft mit Ethik, mit sittlichen Empfindungen und Beurteilungen nichts zu tun hat. Der Marxismus ist aber die Wissenschaft des lebendigen Menschen; er erklärt, wie sie denken, wollen und handeln, und er muss also auch die Kraft, die in den sittlichen Trieben liegt, berücksichtigen und erklären. Er verkennt nicht, dass in den sittlichen Kräften der Empörung, der Solidarität, der Aufopferung, der Begeisterung für große Ideale eine gewaltige revolutionäre Macht liegt; er bestreitet bloß, dass diese aus irgend einem abstrakten himmlischen Sittlichkeitsideal stammen. Wenn er die wirtschaftlichen Interessen und Bedürfnisse als die Triebkraft aller Umwälzungen hervorhebt, schließt er jene sittlichen Kräfte nicht aus (er appelliert sogar selbst an sie), sondern er stellt fest, dass sie ein Produkt, eine Wirkung, ein Ausdruck der wirtschaftlichen Faktoren sind und in der realen Gesellschaft wurzeln. Die wirtschaftlichen Faktoren wirken auf den Menschen ein und treiben sein Denken und Wollen in neue Bahnen; in den sittlichen Idealen, für die er kämpft, und in seinen ethischen Beurteilungen spricht er aus, was für seine Klasse notwendig ist und durch den Fortschritt der Gesellschaft geboten wird.

Daher betrachtete die Bourgeoisie die Nationalkriege als schön und sittlich; darum lösten sie bei ihr begeisterte Gefühle der „Vaterlandsliebe“ aus, als sie für ihre Klasseninteressen nötig waren. Dagegen verabscheut das Proletariat jetzt den Krieg aufs tiefste, weil er für unsere Klasse nicht nur eine nutzlose Schlächterei, sondern sogar direkt verderblich und schädlich ist. Nicht eine abstrakte humanitäre Abneigung gegen jedes Blutvergießen tritt darin hervor; denn wo Proletarier für die Befreiung ihrer Klasse in den Kampf zogen und fielen, gedenken wir ihrer als Helden der Freiheit. Darin ist der Kampf der Arbeiter gegen den Krieg völlig von der alten bürgerlichen Friedensduselei verschieden. Hätte unsere Partei an humanitäre Gefühle der Bourgeoisie appelliert in einer Zeit, die in dieser Klasse gerade umgekehrt Kriegslust und Brutalität großzieht, so wäre das eine gegen den Geist des Marxismus verstoßende Politik der Illusion und des Selbstbetruges gewesen. Aber sie tat, als sie in unserer Presse den Abscheu gegen den Krieg weckte und in der kräftigsten Weise seine Sinnlosigkeit und Kulturwidrigkeit betonte, nichts anderes, als in dem Proletariat ein tiefes und starkes Empfinden seiner Klasseninteressen zu wecken. Die kräftige sittliche Verwerfung des Krieges durch das moderne Proletariat bildet ein Beispiel und eine vorzügliche Bestätigung der marxistischen Theorie, die besagt, dass die Stellungnahme und das Handeln der Menschen durch ihre tiefsten Klasseninteressen bestimmt werden.

 


Zuletzt aktualisiert am 22.12.2007